Sendung/Signale (2007,nois-o-lution)

Oktober 21st, 2008

Einige Rezensionen und Infos zu “Sendung/Signale” aus dem Jahr 2007.

Sendung Front Cover in Sendung/Signale (2007,nois-o-lution)

Intro

Das nennt man wohl Sound-Signatur: Ein Akkord, eine Melodie – und sofort erkennt man die Handschrift von Noise-Papst Guido Lucas. Und so finden sich [...] die typisch wavigen Cure’esken Flanger, wehmütigen Gesangslinien und traurig-trotzigen Riffs. So weit, so desensibilisierend gewöhnlich. Genepool geben sich aber nicht mit schnödem Krachgerocke alter Schule ab. Der Knüppel, den sie der auch nicht mehr ganz so drahtigen Mähre Noiserock zwischen die Hufe schmeißen, ist vom Disco-Baum gebrochen und dürfte Tausende Ärsche auf dem Dancefloor zum Wackeln bringen.

Da bounct die Bassdrum, da zirpen die Synthesizer, und alles ballert so ziseliert wie hoolig rockend nach vorne, dass sich die Band, käme sie aus England, wohl in kürzester Zeit als das nächste ganz große Wild im Blätterwald wiederfinden könnte. Die perfekte Mischung aus düster-melancholischer Gitarrenwucht und nacktem Hedonismus.

unclesally*s

Das Debütalbum von Genepool war zweifellos eine nette Angelegenheit – vor allem für all die, denen eine zeitgemäße Version von den Misfits oder The Damned schon lange gefehlt hatte. Trotzdem dürfte wohl kaum jemand der Band um Jack Letten und Guido Lucas ein Zweitwerk wie ‘Sendung/Signale’ zugetraut haben – hier erfindet sich jemand komplett neu, sprengt Grenzen, schreibt vor allem aber: Hits am Fließband. Sicher, düster ist das Ganze immer noch, und Punkrock sowieso. Die einfachen Vergleiche fruchten hier aber trotzdem nicht mehr. Plötzlich sind da Sequencer und Beats, New-Wave kickt die Achtziger und Neunziger – als hätte jemand Killing Joke nochmal kräftig Feuer unterm Hintern gemacht. Oder den Sisters Of Mercy ein paar Pop-Punk-Platten vorgespielt, ihnen den Sinn von Drei-Minuten-Songs erklärt und sie dann auf den Dancefloor geschickt. Das ist mutig, eingängig, spannend – und extrem unterhaltsam.

Visions

[...] Genepool präsentieren sich kühl kalkuliert wie spätere Kraftwerk, experimentierfreudig wie frühe Tuxedomoon, mit einem Hang zur großen Geste wie Cure und Freude an sägenden Gitarren wie einst Killing Joke. Oft sind alle möglichen Haltungen parallel in einem Song untergebracht, [...]  Je stringenter die Songs angelegt sind, umso überzeugender sind sie. Das gilt für potenzielle Hits wie das wavepunkige Titelstück ebenso wie für reine Experimente wie “Dead Radio”. Doch selbst wenn man mit dem Ergebnis rein gar nichts anfangen kann, bleibt der Mut zum Risiko zu honorieren. Epigonen, die routiniert die britische Rockwelle reiten, gibt es längst zu viele. [...]

OX

Während sich der Vorgänger “Everything Goes In Circles” noch mit einer dreckigen Schaufel bei den frühen Achtzigern bediente, wird jetzt mit einem Skalpell seziert. Die vierzig Minuten von “Sendung/Signale” sind detailbesessen konstruierte Popmusik.

Eine logische Konsequenz, die dort anknüpft, wo man zuvor aufgehört hat. GENEPOOL wissen nach wie vor, wie man zitiert und Einflüsse so miteinander verbindet, dass dabei etwas Brauchbares herauskommt.

Die düstere Grundstimmung samt Pathos ist geblieben, wird allerdings dieses Mal mit wesentlich mehr Dynamik umgesetzt. Am auffälligsten sind dabei wohl die vielen elektronischen Spielereien, die neben Abwechslungsreichtum auch den nötigen Unterhaltungswert mit sich bringen.

Wer jetzt der Meinung ist, dass in den letzten Jahren schon genügend Bands ihr Heil im Wave gesucht haben, dem sei gesagt, dass GENEPOOL wesentlich gewitzter als die meisten Bands an die Sache herangehen, und es problemlos schaffen, ihrem Konstrukt den ein oder anderen Ohrwurm zu entlocken.

Spex

Wenn alle zwischen 1979 und 1985 musikalisch sozialisierten Menschen ihr Erbgut in einen Topf schmissen, würde sich der Bodensatz wie »Sendung / Signale« anhören. [...] Nun hält auch ein wenig Elektronik Einzug, was mal nach Joy Division, dann wieder eher nach Andreas Dorau oder Fisher Z (»Berlin By Night« (!)) klingt. Auch wer jene deutlichen Kraftwerk-Referenzen sucht, die Artwork und Titel nahe legen, wird fündig. »Radioaktivität, die für dich und mich im All entsteht« fällt hier zum schlichten »Dead Radio« zusammen. Wer mag, kann darin den kulturpessimistischen Wolf im retroprogressiven Schafspelz wittern.

gaesteliste.de

Das sind schon ein paar Verrückte, diese Jungs bei Genepool. Denn nachdem uns Lucas, Letten und ihre Leute bisher mit dunklem Misfits-inspiriertem Punkrock erfreut haben, gibts auf ihren neuestem Werk plötzlich Düster-Pop und Dark Wave.

Hier gibts keine Misfits mehr, keine Germs oder gar die Sex Pistols, dafür klingen auf “Sendung / Sinale” alte Recken wie die Sisters Of Mercy, Joy Division, Killing Joke oder auch mal Depeche Mode durch. Syntheziser treffen auf Gitarren, punkige Attitüde vermischt sich mit morbiden Atmosphären. Genepool toben sich aus und verlangen das auch von uns. Tanz du Sau und wein dabei! Die Kiel / Bonn-Verbindung macht dazu den Soundtrack und hat für diesen mal eben reichlich großartige Hits geschrieben. Anders kann man Nummern wie dem mit einem Mörder-Beat ausgestatteten Titeltrack, den Dancefloor-Kracher “Please Do Not Go”, das hippelig-punkige “Sense Of Distance” oder den Wahnsinns-Ohrwurm “Just A Dream” einfach nicht beschreiben. Sie selbst nennen ihren Stil “20 Inch Wave Punk From Hell” – wir nennen ihn einfach nur derbe coole Scheiße!

hurricanebar.de

Sie stehen auf die Achtziger mit all ihren Macken? Wären schon gerne mal als Gruftie oder Waver mit hochtoupierten, geschminkten Gesichtern durch die Gegend gelaufen? Ach, nicht mal ein „No Future“-Patch besitzen Sie? Trauen Sie sich nicht? Ach, Sie hängen fest in ihrem kleinbürgerlichen Leben. Aber so ein kleinwenig mal aus sich rausgehen… Ja, das würde Ihnen schon langen?! Na, dann ein herzliches Grüß Gott. Nur hereinspaziert. Willkommen in der Zeitmaschine. Hoffentlich haben Sie ihre Tanzstiefel eingepackt. DocMartens? Ja, noch besser.

Ich lass es gleich aus dem Sack: Genepool lassen die Achtziger wieder aufleben. Und zwar so authentisch und eigenständig, dass es einem ein breites Grinsen ins Gesicht brennen muss. „Sendung / Signale“ nennt sich das Zweitwerk dieser zusammengewürfelten Truppe, bei denen eines der beiden bekanntesten Gesichter bei Smoke Blow ebenfalls am Mikro steht bzw der andere ein mehr als bekanntes Tonstudio besitzt. Klaro, Jack Letten und Guido Lucas sind gemeint. In dessen bluBox-Studio ist auch dieses Album entstanden.

Düstere Songs werden hier unter Einfluss von elektronischen Betäubungsmitteln zelebriert. Immer schön straight ahead. Tanzfläche, ick hör dir trappsen. Im Gegensatz zum Vorgänger „Everything Goes In Circles“ wird der Punkfaktor reduziert, was zu Gunsten der tanzbaren Strukturen geschieht. Doch keine Angst, die Gitarren schlendern gewohnt lässig mit. Der Beat erklingt dabei ab und ab stakkatomäßig, die Refrains gehen ins Ohr. Hach, und den Wave darf ich ja nicht vergessen zu erwähnen. Also alle genannten Komponenten zusammengezählt und schon weiß man zumindest wie es klingen kann. Oder ganz einfach: Sisters Of Mercy, Bauhaus, Kraftwerk (Alter, „Dead Radio“ ist doch nur abgefahren geil!), Killing Joke und und und. Für uns alte Säcke ein geiler Rückblick in vergangene Tage. Für die jüngeren die Ansage, dass nicht alles aus der Zeit Kacke war. Liebe Freunde außergewöhnlicher Tanzmusik, hieran wird man seine Freude haben.

Hätte ich heut noch Haare, ich wüßte was ich damit machen würde;-) Vielleicht find ich wenigstens die Klamotten von damals noch. Ich meine, ich kann doch nicht mit den heutigen Klamotten zu einem Konzert von Genepool rennen. (11/12)

Gepostet am Oktober 21st, 2008 von admin , mit den Tags .
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